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Dogmencheck – Max Frisch‘ 25 Fragen an die Menschheit

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Frage 10: „Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?“ 

 

O ja, da gab es eine Zeit in meinem Leben!

Ich wollte ein ganz anderer sein, weil ich noch nicht richtig wußte, was meine Persönlichkeit denn nun wirklich ausmachte.

Durch enge Freundschaften mit Japanern bedingt war ich sehr oft in diesem Land. Das erste Mal reiste ich 1986 mit 19 Jahren dahin. Das war natürlich sehr aufregend! Und da ich bis dahin außer in der Schule noch nichts weiter im realen Leben gelernt hatte und noch nie so weit verreist war, war ich von allem sofort total begeistert. Von der sehr langen Reise, den Japanern, der japanischen Kultur, dem japanischen Alltag und den Formen des Umgangs miteinander.

Und das, obwohl ich anfangs überhaupt nichts verstand. Ich bemühte mich auch nicht sonderlich darum, mehr zu verstehen, also etwa intensiv Japanisch zu lernen.

Meine elterlichen Freunde sprachen Deutsch und so hatte ich keinen Druck, mich mit dem Japanischen zu beschäftigen. Sie nahmen mich überall mit hin und dolmetschten.

Und obwohl ich mich mit dem Sprechen so gar nicht beeilte, wäre ich am liebsten ein fließend Japanisch sprechender, in Japan verorteter Europäer gewesen, der in beiden Kulturen zu Hause ist und je nach Bedarf hin- und herswitcht. Zwischen der Kultur und der Sprache!

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Das japanische Alltagsleben empfand ich damals als angenehm engmaschig. Immer war jemand da, der einen freundlich anlächelte und fragte, ob man sich wohlfühle und ob alles in Ordnung sei.

Und die Menschen begrängten sich nicht gegenseitig, sondern ließen sich so wie sie eben waren. Ein Eindruck, der für Ausländer in Japan leicht entsteht, wenn man die Sprache nicht versteht!

Gesprächsthemen würden mit Rücksicht auf den Gruppenzusammenhalt so gewählt, dass auch wirklich jeder mitreden kann.

Im Gegensatz zu Deutschland gefiel es mir in dieser Periode meines Lebens sehr, dass nicht immer und überall kontrovers diskutiert und von Dir verlangt wurde, dich zu positionieren. Du hattest eine Angriffsfläche zu bieten, das dem Gegenüber sofort zeigte, wo Du im Leben stehst, so kannte ich es aus Deutschland.

Ich meinte, dass Japan besser zu mir paßte als Deutschland, bzw. Europa und stellte mir vor, irgendwann in Japan zu leben und hier integriert zu sein.

Europäische Wurzeln

Je öfter ich nach Japan fuhr, desto bewußter wurde mir jedoch meine Andersartigkeit. Nicht nur äußerlich unterschied ich mich durch einen längeren Körper, mein langes Gesicht. Auch wenn ich als ruhiger und introvertierter Mensch galt und Rampensau- Attitüden mir wirklich fremd waren – meine europäischen Wurzeln traten immer deutlicher zu Tage:

Auch wenn ich eben sagte, dass ich die japanische Gesprächskultur erstmal angenehm, weil nicht grundsätzlich auf Kontraste ausgerichtet, empfand – so hatte ich wirklich kein Verständnis mehr, dass nicht da kontrovers und zugespitzt diskutiert wurde, wo es wirklich nötig war.

Gesprächsthemen würden mit Rücksicht auf den Gruppenzusammenhalt so gewählt, dass auch wirklich jeder mitreden könnte. Das sagte mir eine seit langer Zeit in Japan lebende sprachsichere deutsche Freundin.

Es würde also immer auf den Konsens hingearbeitet. Und wenn es doch unterschiedliche Auffassungen gab, war allen in der Gruppe klar, dass einige dem nächsten Treffen einfach fernblieben.

„Nicht das Land, der innere Ort zählt!“

Nichtsdestotrotz fasziniert mich Japan! Ein wichtiger Entwicklungsschritt in meinem Leben, der mir heute zeigt: selbst wenn Du glaubst angekommen zu sein – es geht immer weiter!

Ein Ort, ein Land egal wo auf der Welt, kann nicht ein Ziel sein, es kommt einzig und allein auf Deinen inneren Ort an.

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